Warum „agil“ nur ein Vehikel ist

Agile is a vehicle only

Im Juli 2018 hatte ich die Gelegenheit Pinar Pinzuti persönlich kennen zu lernen. Pinar bezeichnet sich selber als Brainwasher, Radfahrerin und Aktivistin. Gemeinsam mit Selma Gür startete sie 2013 in Izmir (Türkei) gemeinsames Radfahren von und mit Frauen, das sich innerhalb von nur fünf Jahren zu einer ganzen Bewegung entwickelt hat. Jedes Jahr, Ende September, am #WorldCarFreeDay findet der Fancy Women Bike Ride statt. 2017 nahmen rund 30.000 Frauen in 70 türkischen Städten daran teil. Eine Bewegung, ohne Budget aber dafür mit sehr viel Inspiration!

Fancy Women Bike Ride, 2017, Izmir
Fancy Women Bike Ride, 2017, Izmir (Foto: www.medium.com)

Das Fahrrad als Vehikel

Die Idee des Fancy Women Bike Ride war eigentlich ganz einfach… nämlich die Männerdominaz zu durchbrechen, statt Geschwindigkeitsrekorden und super modernen Outfits sollte das Fahrrad wieder Einzug in den Alltag finden. Ein Alltag, der – mit dem Fahrrad als Vehikel – türkischen Frauen ermöglichte, sicher von A nach B zu kommen. Langsamkeit, Achtsamkeit, damit verbundene Freiheit und jede Menge Spaß standen im Mittelpunkt. „Freedom of Cycling“ so die Message mit der die Frauen auf die Straße gehen fahren. Das Fahrrad als Unterstützer und vor allem Verbesserer eines urbanen Lebens der Zukunft.

Die Mitmachkriterien sind denkbar einfach:

  • Du musst eine Frau sein
  • Du zieht dich modisch an
  • Du kommt mit einem schicken Fahrrad
  • Du bist in der Lage maximal 10 km/h zu fahren
  • Du kannst während des Fahrens winken

In nur fünf Jahren hat sich die Bewegung auch zu einem politischen Statement entwickelt. Frauen werden mobil, mobile Frauen können leichter Jobs bekommen und können damit ihr Leben auch ein Stück weit selber in die Hand nehmen.

Was aber, wenn die Freiheit bereits gegeben ist?

Pinar ist Türkin, studierte unter anderem in Deutschland und lebt aktuell in Mailand. Mailänderinnen mit dem Thema „Freiheit“ aufs Rad zu bringen, würde vermutlich wenig Resultate bringen. Dementsprechend hat sich Pinar die Mühe gemacht, genauer hinzusehen und herauszufinden, was die Motive und Bedürfnisse von Mailänderinnen sind. Dass sie dabei erfolgreich war, wird sich am 23. September beim ersten Mailänder Fancy Women Bike Ride zeigen! 🙂

Pinar Pinzuti, Fancy Women Bike Ride, Milano
Pinar Pinzuti, Fancy Women Bike Ride, Milano (Foto: Pinar Pinzuti)

Was können Unternehmen davon lernen?

Während des Vortrags von Pinar, aber auch im Gespräch danach, hatte ich immer im Hinterkopf, was Unternehmen davon lernen können.

Jeder redet aktuell von Agilität und davon, dass Unternehmen agil werden müssen, um in Zukunft zu bestehen. Meines Erachtens ist das völlig korrekt, ABER… agile Methoden anzuwenden resultiert noch lange nicht in einem agilen Unternehmen. Genauso wenig wie das Fahrrad in Pinar’s Geschichte die Veränderung brachte. Agile Methoden sind das Vehikel einer größeren Bewegung. Einer Bewegung, die danach trachtet, die Unternehmenskultur nachhaltig zu verändern.

Sadly, change agents talk of adopting Agile and not about transforming the culture of a company to support the Agile mindset. (Michael Sahota) (1)

Kleine Schritte statt großer Sprünge

Viele diese großen Change-Initiativen, die vom Zustand A zu Zustand B innerhalb von wenigen Tagen führen (sollen). Mechaniken einzusetzen und neue Prozesse einzuführen, mag in kurzer Zeit funktionieren, ist aber häufig nicht von langfristigem Erfolg gekrönt, weil sich Mitarbeiter „einfach nicht daran halten wollen“. Kleine Schritte hingegen, die Evolution statt der Revolution ist von mehr Erfolg gekrönt. Das Geheimnis? Die kontinuierliche Verbesserung! Gleichzeitig aber muss auch darauf hingewiesen werden, dass die Veränderung nie endet. Unbequem, aber die Realität.

Mit gutem Beispiel voran gehen

Pinar schreibt und postet permanent über ihre Erfahrungen rund ums Fahrrad. Sie hätte nie diese Bewegung initiieren können, wenn sie ihre eigenen Rat(d)schläge nicht befolgen und selber leben würde.

Wasser predigen und Wein trinken gilt auch in Unternehmen nicht. Wer von seinen Teams verlangt agil zu sein muss auch „weiter oben“ mitziehen, sprich: bei der Optimierung des Wertstroms  und der Optimierung von Strategie und Portfolio. Klaus Leopold (2) spricht an dieser Stelle von Flight Levels 3 & 4.

Motive und Bedürfnisse erkennen

Der Fancy Women Bike Ride trifft – egal in welchem Land er veranstaltet wird – die Motive und Bedürfnisse der Teilnehmerinnen.

Niels Pfläging (3) unterscheidet in seinem Buch „Komplexithoden“ ganz bewusst zwischen Motiven (= intrinsisch) und Motivierung (= extrinsisch). Motive sind stehts personenabhängig und eigenbestimmt, während sich Motivierung in Verhaltenskontrolle übt.

Extrinsische Motivierung nutzt Methoden der Verhaltenskontrolle, sie mündet bestenfalls in kurzfristige Optimierung. (Niels Pfläging)

Selma Gür und Pinar Pinzuti erfüllen Motive. Von wenigen Frauen auf 30.000 innerhalb von nur fünf Jahren ist der beste Beweis dafür. Mit Motivierung hätte das meine Erachtens nicht geklappt.

Die Zukunft mitgestalten

Der Fancy Women Bike Ride gestaltet die Zukunft mit. Die Zukunft der Frauen sowie des Urban Lives. Sich zu ärgern, bringt keine Veränderung, Handeln hingegen schon.

Unternehmen heutzutage stehen vor einer immer größeren Herausforderung. Kundenwert muss erfüllt werden, optimale und veränderungsbereite Mitarbeiter müssen gefunden werden, Time-to-Market muss gering sein und vieles mehr… und das in einer Gesellschaft, wo sich innerhalb von wenigen Jahren die Ansprüche oft grundlegend verändern. Um vorne dabei zu sein, bedarf es einer agilen und resilienten Organisation, die aktiv in den Markt geht, um Veränderungen herbeizuführen. Ein Grund mehr, BEING AGILE dem DOING AGILE (sprich: Unternehmenskultur vs. Mechanik) vorzuziehen.

Und abschließend…

Abschließend möchte ich Pinar für ihre Inspiration danken und wünsche den Fancy Women rund um den Globus, viel Spaß beim nächsten #WorldCarFreeDay im September!

 

Literatur:

(1) Sahota, Michael. An Agile Adoption and Transformation Survival Guide. Working with Organizational Culture, InfoQ, 2012

(2) Leopold, Klaus. Kanban in der Praxis. Vom Treamfokus zur Wertschöpfung, Hanser, 2017

(3) Pfläging, Niels & Hermann, Silke. Komplexithoden. Clevere Wege zur (Wieder)Belebung von Unternehmen und Arbeit in Komplexität, Redline Verlag, 2015

Affiliates:

Links:

https://medium.com/@pinarpinzuti

https://www.bisikletizm.com/pinar-pinzuti/

 

 

2 Kommentare

  1. Hallo Brigitte!

    Gratuliere, ein sehr guter Artikel! Bringt’s voll auf’n Punkt. Die Erklärung mit den Fahrrädern ist einmal sehr erfrischend und zeigt auch gut dass es um viel mehr/Tieferes geht als blöde „Frameworks“. Wenn der Mensch was weiterbringen will muss er halt flexibel sein. Vor allem im Kopf, und natürlich auch im Tun.

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